Bargeldloses Bezahlen: Geht es wirklich ganz ohne Bargeld? – Teil 1

Wir schreiben das Jahr 2000. Die gute alte EC-Karte ist seit vielen Jahren ein bewährtes Mittel der bargeldlosen Zahlung. Damals war bargeldloses Bezahlen durch Magnetstreifen und Unterschrift die gängigste Methode. Dieser Vorgang dauerte etwas länger als die PIN-Eingabe, aber man hatte einfach das Gefühl, eine moderne Technologie zu nutzen. Vom kontaktlosen Bezahlen mit der Karte oder gar der Zahlung mit dem Handy konnte keine Rede sein. Ich habe damals relativ häufig meine Zahlungen mit der EC-Karte getätigt. Bargeldloses Bezahlen hat sich in den Folgejahren stets weiterentwickelt. Die EC-Karte wurde im Jahr 2007 in girocard umbenannt, Magnetstreifengeräte verschwanden allmählich, Kreditkartenzahlungen nahmen zu und kontaktlose Kreditkarten kamen auf den Markt. Seit einigen Jahren hat sich das Mobile Payment mit dem Smartphone durchgesetzt. Viele Banken bieten hauseigene Apps an und Unternehmen wie Apple und Google bieten mit Apple Pay und Google Pay Softwarelösungen für bargeldloses Bezahlen. Den Großteil meiner Zahlungen erledige ich mittlerweile mit dem Smartphone und Google Pay. Manche Händler akzeptieren kein Google Pay, sodass ich dort die kontaktlose VISA-Karte nutze. Ich dieser Artikelreihe möchte ich im harten Praxistest herausfinden, ob man wirklich ganz auf Bargeld verzichten kann.

Bargeldloses Bezahlen

Bargeldloses Bezahlen: Die Qual mit den Münzen

Vor mehr als 20 Jahren war ich für einige Jahre Kunde der Sparkasse. Dort habe ich mein erstes Girokonto eröffnet. Ich glaube, jeder Haushalt in Deutschland hat eine Dose mit Centmünzen. Damals waren es freilich Mark- und Pfennigmünzen. Auch ich hatte über viele Jahre mehrere Dosen und Gläser mit Euro- und Centmünzen. Haben sich zu Hause viele Münzen angesammelt, ging ich einfach zur Sparkasse und löste diese ein. Die Sparkassen hatte in jeder Filiale einen Münzautomaten in den man seine Münzen einwerfen und sich diese auf das Girokonto auszahlen lassen konnte. Es war eine sehr einfache und bequeme Prozedur.

Es war das Jahr 2008 und ich hatte ein großes, wirklich großes Glas voller Münzen. Nach jedem Einkauf bei dem ich mit Bargeld bezahlte, brachte ich neue Münzen nach Hause. Auch wenn ich bargeldloses Bezahlen oft nutzte, häuften sich die Münzen schneller als ich diese ausgeben konnte. Ich hatte also ein Problem damit, diese wieder loszuwerden. Ich versuchte beim Einkaufen die Einkäufe so zusammenzustellen, dass ich auf einen runden Betrag komme. Das war aber immer mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Schließlich musste ich mühselig alles im Supermarkt zusammenrechnen, war mit der Zeit tierisch auf die Nerven ging. Ich musste also die Münzen bei der Bank auf mein Girokonto einzahlen.

Bargeldloses Bezahlen: „Sie müssen die Münzen zusammenrollen!“

Mittlerweile war ich nicht mehr Sparkassenkunde, sondern hatte mein Girokonto seit sechs Jahren bei der Postbank. Also ging ich mit meinem schweren Glas voller Münzen in die nächste Filiale der Post. Am Schalter sagte mir die Angestellte, dass es einen solchen Münzautomaten wie bei der Sparkassen bei der Postbank nicht gibt. „Na, sowas!“, dachte ich mir. „Und welche Möglichkeit bleibt mir?“, fragte ich. „Sie müssen die Münzen zusammenrollen und dann bei uns abgeben“, sagte die Dame am Schalter und übergab mir passende Rollen. Das hieß, wenn ich mich heute noch genau erinnern kann, 10-Cent-Münzen wurden zu einer Rolle von einem Euro zusammengerollt, 1-Cent-Münzen zu einer Rolle von zehn Cent usw. Bei der Menge von Münzen würde ich Stunden benötigen, bis ich alles zusammengerollt habe.

Also nahm ich den Weg des geringsten Widerstands, ging schnurstracks in die nächste Sparkassen-Filiale und eröffnete dort nochmals ein Girokonto. Nur zu diesem einen Zweck, die Münzen bequem abgeben zu können. Danach würde ich das Geld auf mein Konto bei der Postbank überweisen und das Konto bei der Sparkassen sofort auflösen. Auch nahm ich mir vor, danach nicht mehr eine solche Menge an Münzen zu Hause zu horten und künftig mehr auf bargeldloses Bezahlen zu setzen. Nach der Kontoeröffnung und Erhalt der Girokarte ging ich mit meinem Glas mit den Münzen zur Sparkasse und gab diese am Automaten ab. Ich war wirklich gespannt, wie viel Geld sich da über Jahre angesammelt hat. Meine Schätzung lag bei etwa 200 Euro. Weit gefehlt, es waren am Ende der Zählung knapp über 600 Euro. Ich überwies das Geld auf mein Hauptkonto und kündigte das Konto bei der Sparkasse. Um mir einen solchen Aufwand künftig zu ersparen, bevorzugte ich bargeldloses Bezahlen.

Norwegen: Mit der Kreditkarte zum Bäcker

Bargeldloses Bezahlen war in Deutschland nie wirklich beliebt. Wenn ich an die Jahre 2008 und 2009 zurückdenke, so waren die Verkäufer an den Kassen immer irgendwie genervt, wenn man kleine Beträge mit der Karte bezahlen wollte. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich oft erkennen, dass sie sich dachten: „Ach, jetzt will der die Cola für 80 Cent mit Karte bezahlen.“ Oft wurde ich auch direkt genervt gefragt: „Haben Sie kein Bargeld dabei?“ In kleinen Geschäften sind heute noch Kartenzahlungen erst ab zehn Euro möglich. Und bargeldloses Bezahlen mit dem Smartphone ist bei Edeka zum jetzigen Stand immer noch nicht möglich. Soweit ich mich erinnern kann, wurde um das Jahr 2010 für das Bezahlen mit der Kreditkarte grundsätzlich eine Gebühr fällig. So ganz kostenlos mit der VISA- oder Mastercard im Geschäft zu bezahlen war einfach nicht möglich. Da waren uns andere Länder voraus.

Im Frühjahr 2009 flog ich das erste Mal nach Norwegen. Meine Begleitung bezahlte dort den Parkplatz mit der Kreditkarte. Ich fragte mit Erstaunen, ob das nicht eine Gebühr kosten würde. Sie verneinte. Sie erzählte mir auch, dass in Norwegen so gut wie alles digital bezahlt wird. Die Kreditkarte ist ein ständiger Begleiter. Mit dieser bezahlt man im Supermarkt, an der Tankstelle, beim Bäcker, im Restaurant, sogar die Zeitung wird mit dieser bezahlt. Und auch die meisten öffentlichen Einrichtungen akzeptieren Kreditkartenzahlungen. Ich war einfach nur baff. Dachte ich dabei an die Gebühren der Kreditkartenzahlung in Deutschland und das Meckern mancher Verkäufer, wenn man kleine Beträge mit der Karte zahlen will. Als ob das Einstecken der Karte und die PIN-Eingabe wesentlich mehr Zeit beanspruchen würde, als das Bargeld aus dem Portemonnaie herauszuholen und das Wechselgeld herauszugeben. Vom Stand der Digitalisierung in Norwegen war ich sehr angetan.

Bargeld ist Freiheit

„Geld ist geprägte Freiheit“, schrieb der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski bereits im 19. Jahrhundert. Damit meinte er vielmehr das Bargeld, da bargeldloses Bezahlen damals keine Rolle spielte. Seit einigen Jahren wird über die Abschaffung des Bargeldes diskutiert, um Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit zu bekämpfen. Warum denn auch nicht, sagen viele, es ist angesichts moderner Technologien und den Möglichkeiten der bargeldlosen Zahlung eigentlich kein Problem, auf das Bargeld zu verzichten. Doch bei aller Begeisterung für bargeldloses Bezahlen, eine komplette Abschaffung des Bargelds entzieht dem Bürger die Freiheit. Eine Summe Bargeld in physischer Form zu besitzen bedeutet finanzielle Freiheit und Unabhängigkeit. Würde man dem Bürger diese Freiheit wegnehmen, wäre das, aus meiner Sicht, ein Angriff auf die Demokratie und Selbstbestimmung. Aus diesem Grund verfolge ich eine genaue Trennung meiner Zahlungsgewohnheiten. Auf der einen Seite habe ich das bargeldlose Bezahlen mit Google Pay und Kreditkarte. Es erleichtert mir die Einkäufe, ich muss nicht ständig Bargeld mit mir herumtragen und Münzen sammeln. Alles, was ich für meine Einkäufe benötige, ist mein Smartphone.

Auf der anderen Seite möchte ich mir ein Stück Freiheit aufbewahren und eine bestimmte Summe an Bargeld besitzen. Durch bargeldlose Zahlungen bin ich ein gläserner Kunde, da braucht man sich nichts vorzumachen. Sowohl meine Kreditkartengesellschaft als auch Google können ein genaues Verhaltensprofil über mich erstellen. Doch dies nehme ich in Kauf. Ich bestimme selbst von vorneherein, ob ich das will. In diesem Fall will ich das, weil ich auf der anderen Seite von der Bequemlichkeit der bargeldlosen Zahlung profitiere. Ich möchte die Kontrolle aber nicht ganz aufgeben. Diese finanzielle Autonomie ist mir äußerst wichtig. Auch wenn man mir nicht gleich morgen das Girokonto und alle Karten sowie mein Google-Konto sperrt, doch theoretisch besteht diese Möglichkeit. Es ist mir auch wichtig, sofort über eine bestimmte Summe Bargeld verfügen zu können.

Fiatgeld vs. Warengeld

Zum Thema bargeldloses Bezahlen ist es auch wichtig, sich mit der Geschichte und Definition des Geldes auseinanderzusetzen und einige wichtige Begriffe zu lernen. In der Geldtheorie gibt es zwei Begriffe, auf die ich hier etwas näher eingehen möchte – Fiatgeld und Warengeld. Als Fiatgeld (englisch Fiat money) bezeichnet man eine nationale Währung, die nicht an den Rohstoffpreis wie Gold, Silber oder Öl gebunden ist. Fiatgeld ist ein Objekt ohne inneren Wert und dient als Tauschmittel. Der Euro ist somit Fiatgeld wie auch der US-Dollar, Pfund Sterling sowie Yuan und alle anderen Währungen auf der Welt. Der Wert basiert dabei auf dem Vertrauen der Öffentlichkeit gegenüber der Regierung oder der Zentralbank als Herausgeber der Währung, dass das Geld gegen Güter eingetauscht werden kann. Die Vorteile von Fiatgeld sind die Kontrolle durch die Zentralbank und Unabhängigkeit von beschränkten Ressourcen wie Gold. Das Angebot an Fiatgeld wird von der Zentralbank reguliert.

Warengeld dagegen hat einen inneren Wert. Dieser besteht aus den Materialien, aus denen es hergestellt wurde – Gold und Silber sind gute Beispiele. Es erfordert kein Versprechen der Zentralbank wie beim Fiatgeld, dass Güter am Markt eingetauscht werden können. Dies ist einer der Gründe warum Gold von vielen Anlegern als die krisensichere Anlage gewählt wird. Auch wenn es in der Geschichte bereits Goldverbote gab, so bleibt das Warengeld der Pendant zum Fiatgeld. Kommen wir wieder zurück zum bargeldlosen Bezahlen? Wenn also ein 100-Euro-Schein Fiatgeld und eine Goldmünze Warengeld ist, was ist dann bargeldloses Bezahlen im Wert von 100 Euro? Es ist Fiatgeld in digitaler Form. Die Bestimmung bleibt die gleiche, nur die Form hat sich geändert. Statt der Zahlung mit einem Geldschein findet eine digitale Buchung statt. In beiden Fällen wurde mit Fiatgeld ohne inneren Wert eine Ware oder Dienstleistung erhalten. Geldthemen müssen keine trockene Theorie sein, sondern können auch Spaß machen.

Sladjan Lazic

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