Geht es wirklich ganz ohne Bargeld? – Teil 2

Bis zum Frühjahr 2020 behielt das Bezahlen mit Bargeld in Deutschland die Oberhand – trotz der vielfältigen Möglichkeiten des bargeldlosen Bezahlens, sei es mit der Karte oder dem Smartphone. Doch im März brach die Corona-Pandemie aus und es folgte ein mehrwöchiger Lockdown mit Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften. Plötzlich galt Bargeld als potenzielles Covid-19-Infektionsrisiko und wurde gemieden, Kartenzahlungen und mobiles Bezahlen nahmen zu. Die Medien berichteten bereits über den „Weg in eine bargeldlose Gesellschaft“ wie in Schweden und eine mögliche Bargeldabschaffung. Beginnend mit dem Teil I dieser Artikelreihe versuche ich herauszufinden, ob es zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich ist, in Deutschland komplett auf das Bargeld zu verzichten.

„Auch Kleinbeträge werden mit Karte bezahlt“

Es ist unumstritten, dass die Corona-Pandemie das Zahlungsverhalten der Deutschen verändert hat. Doch wie sieht diese Veränderung in der Praxis aus? Ralf-Christoph Arnoldt, Zahlungsverkehrsexperte beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) sagte gegenüber dem Handelsblatt: „Die bargeldlosen Transaktionen sind in Deutschland im Mai 2020 um 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.“ Die Verbraucher neigen dazu, auch kleine Beträge mit der Karte zu zahlen. Der Trend zum bargeldlosen Bezahlen begann jedoch vor Corona. Das Handelsforschungsinstitut EHI resümierte in einer Studie Anfang 2019, dass bereits im Jahr 2018 erstmals mehr Umsatz im Handel per Karte als mit Bargeld erzielt wurde.

Corona beschleunigte diese Entwicklung deutlich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Regierungen und Supermärkte empfehlen bargeldlose Zahlungen. Payment-Dienstleister und Hersteller von Zahlungs-Terminals erleben einen noch nie dagewesenen Boom und verzeichnen volle Auftragsbücher. Viele Kunden mussten während des Lockdowns auf Bestellungen bei Amazon ausweichen und behielten diese Einkaufspraxis bei. Ohnehin hat der Online-Riese in der Corona-Krise kräftig profitiert. Während viele stationäre Händler schließen mussten, stieg der Umsatz von Amazon um 40 Prozent auf 88,9 Milliarden Dollar. Da ein zweiter Lockdown viele Händler in den Ruin treiben könnte, haben diese ihre Tätigkeit auf eCommerce ausgeweitet und verkaufen zusätzlich online.

Die Europäische Union macht bargeldloses Bezahlen einheitlich

Das Bezahlen mit dem Smartphone und entsprechenden Zahlungsanbietern – wie Google Pay, Apple Pay oder bankeigenen Apps – erhielt im Jahr 2020 und weiterhin in 2021 enormen Aufschwung. Die Europäische Union möchte die elektronischen Zahlungen jedoch noch einheitlicher und schneller machen. Vor dem Hintergrund rasanter Verbreitung von elektronischen Bezahlmöglichkeiten, beklagt die EU-Kommission, dass der europäische Markt noch immer zerstückelt sei. Abgesehen von den globalen Kreditkartenanbietern wie VISA oder Mastercard sowie den Angeboten großer Internetkonzerne, gebe es laut der Kommission keine einheitliche europäische digitale Bezahllösung. Das Ziel ist eine eigene, wettbewerbsfähige und europäische Lösung zum digitalen Bezahlen.

Für die EU-Kommission ist die Einführung der Echtzeitüberweisungen – „Instant Payments“ – ein gestecktes Ziel. Bei diesem Verfahren wird das Geld binnen Sekunden direkt auf das Konto des Empfängers gebucht. Die Zeiten, in denen man erst in einigen Tagen die Buchung erwarten konnte, sollen der Vergangenheit angehören. In einem Strategiepapier der Europäischen Union heißt es, dass die Einführung von Instant Payments bis Ende 2021 umgesetzt werden soll. Vorher müssen entsprechende gesetzliche Regelungen und Standards eingeführt werden. Doch die EU geht noch einen Schritt weiter. Um eine möglichst verbraucherfreundliche Regelung auf den Weg zu bringen, fordert die Kommission eine ähnlich günstige Regelung wie für Kartenzahlungen. Es geht dabei konkret um Erstattungsmöglichkeiten. Anders als bei einer herkömmlichen Banküberweisung lässt sich eine Sofortüberweisung bei einer Fehleingabe nicht stornieren oder stoppen. Das soll sich in Zukunft ändern.

Wie sieht es in 2021 aus?

Da ich den ersten Teil dieser Artikelreihe im Sommer 2020 geschrieben habe, ist etwas Zeit vergangen und ich möchte die aktuelle Situation im Februar 2021 etwas erläutern. Nach wie vor haben wir leider die Corona-Pandemie und auch einen harten Lockdown seit Mitte Dezember. Leider haben wir auch eine mutierte Variante des Virus, der viel ansteckender und gefährlicher ist. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Seit Ende des letzten Jahres haben wir die ersten zugelassenen Impfstoffe und seit Weihnachten wird geimpft. Auch wenn die Infektionszahlen derzeit wieder steigen, so gibt es erste Studien aus Israel, die eine sehr gute Schutzwirkung der Impfstoffe belegen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass wir Ende des Jahres oder spätestens im Frühjahr 2022 die Pandemie in den Griff bekommen werden.

Doch wie sieht es mittlerweile mit bargeldlosen Zahlungen aus? Laut einem Artikel von heise online, hat Corona den Einkauf verändert. Viele Verbraucher zahlen bargeldlos oder scannen die Ware an der Kasse selbst – wenn die Möglichkeit vorhanden ist. Heise online zitiert dabei die Supermarktketten und Discounter, nach denen das bargeldlose Bezahlen immer beliebter wird, das hygienisch und komfortabel. Nach Angaben von Aldi Nord wird jeder zweite Einkauf ohne Bargeld bezahlt. Doch bargeldloses Bezahlen ist nicht gleich bargeldloses Bezahlen. Während die Zahlungen mit der Girocard und den Kreditkarten mittlerweile die erzielten Umsätze mit Bargeldzahlungen übertreffen, hinkt die Zahlung mit dem Smartphone hinterher.

Meine Erfahrungen mit dem bargeldlosen Bezahlen

Dort wo ich kann, zahle ich seit vielen Jahren bargeldlos mit der Karte. Meine erste Bankkarte, es war die gute alte EC-Karte, habe ich das erste Mal im Jahr 2000 bekommen und meine ersten Einkäufe damit bezahlt. Später ab dem Jahr 2005 habe ich immer mehr die Mastercard genutzt und schon damals weit über 80 Prozent meiner Einkäufe bargeldlos erledigt. Ob im Supermarkt, an der Tankstelle, im Hotel, Baumarkt oder online auf Marketplaces, für mich hatte das bargeldlose Bezahlen immer einen Hauch von Zukunft und moderner Technologien.

Ich habe relativ früh mit der Nutzung von Online-Tools begonnen und viel ausprobiert. Als die meisten in meinem Freundes- und Familienkreis noch nichts davon wissen wollten, habe ich schon 2005 meine erste Einkommenssteuererklärung am PC erledigt. Einige Jahre später folgte meine erste komplett papierlose Steuererklärung. Das Online-Banking nutze ich seit 2005 und im Jahr 2014 habe ich meine erste kontaktlose Kreditkarte, damals von der Postbank, bekommen. Ab sofort musste man die Karte nicht mehr ins Terminal stecken, sondern konnte bequem kontaktlos bezahlen.

Doch der große Durchbruch kam für mich im Jahr 2018 – endlich gab es eine Bezahl-App für das Smartphone. Damals nutzte ich die App der Postbank, da ich damals dort mein Girokonto hatte. Die ersten paar Monate hat es mehr oder weniger gut funktioniert, doch die App wurde immer fehleranfälliger, sodass ich überhaupt nicht zufrieden war. Mittlerweile hat Google Pay den Betrieb in Deutschland aufgenommen und ich zahle bis heute überwiegend mit dem Handy und Google Pay.

Nachfolgend zähle ich auf, wo ich ganz ohne Bargeld und nur mit dem Smartphone bezahlen kann. Auch zeige ich euch, wo eine Zahlung mit Smartphone nicht geht, aber dennoch bargeldlos mit der Karte möglich ist und vor allem, wo man nach wie vor NICHT bargeldlos bezahlen kann.

1. Supermärkte

Bei Aldi, Lidl und Penny bezahle ich seit über zwei Jahren nur und ausschließlich mit dem Smartphone. Mittlerweile muss zum Einkaufen nicht mal meine Geldbörse mit den Karten mitnehmen, das Smartphone reicht vollkommen aus. Für mich ist das äußerst praktisch. Bei Edeka dagegen kann ich mit dem Smartphone immer noch nicht bezahlen, da nehme ich dann die kontaktlose VISA-Karte.

2. Tankstellen

An so gut wie jeder Tankstelle bezahle ich bequem mit dem Smartphone und Google Pay. Nur bei meiner „Günstig-Tankstelle“ in Gräfelfing muss ich die Girocard nutzen.

3. Baumärkte

Die meisten Baumärkte akzeptieren Smartphonezahlungen, ich kaufe von Zeit zu Zeit im Hagebaumarkt ein und muss nur mein Handy mitnehmen. Sehr praktisch.

4. Restaurants / Fastfood-Ketten

Sowohl bei McDonald‘s als auch Burger King kann ich problemlos mit dem Smartphone bezahlen. Auch die meisten Restaurants und mittlerweile die entlegensten auf dem Land, akzeptieren Handyzahlungen. Da war ich sehr positiv überrascht.

5. Kaufhäuser

Wenn der Lockdown dann vorbei ist, kann man in Kaufhäusern sehr praktisch mit dem Smartphone bezahlen. Ich für meinen Teil bestelle über 90 Prozent meiner Bekleidung mittlerweile bei Amazon, doch wenn es um Schuhe geht, sollte man diese dann doch vor Ort in einem Schuhgeschäft ausprobieren.

6. Telekommunikationsanbieter

Bei allen Telekommunikationsanbietern ist die mobile Zahlung mit dem Handy möglich. Doch kaum jemand schließt einen Mobilfunkvertrag vor Ort ab, da derzeit ohnehin der Lockdown herrscht und ein Online-Abschluss wesentlich komfortabler ist.

7. Fahrkarten im ÖPNV

Ob Fahrkarten für die U-Bahn, Zugtickets oder Bus- und Tramfahrscheine, alles kann mittlerweile komplett bargeldlos mit Apps der Anbieter gekauft und bezahlt werden, das Smartphone reicht vollkommen aus.

8. Parkgebühren

Parkgebühren in der Stadt kann man bequem mit der App bezahlen, hier reicht auch wieder das Handy aus.

Hier geht es nur mit „Cash in de Täsch“: Bäckereien, Kebab-Buden und Kioske

Es ist eine schöne und praktische Welt der bargeldlosen Zahlung. Doch es gibt immer noch „Bargeld-Inseln“ wo nur die harte Währung zählt. Zu diesen gehören nicht wenige Bäckereien und Kioske. Ich kann mich hier nur auf einige Bäckereien und Kioske in München und Umgebung beziehen, da es für mich unmöglich ist, wirklich alle Lokalitäten dieser Art aufzusuchen und zu testen. Aber meine Erfahrung ist, dass zum jetzigen Stand relativ viele Bäckereien keine bargeldlose Karten- oder Smartphonezahlung akzeptieren. Dasselbe gilt für viele Kioske und Döner-Buden. Es ist eine gewisse Lücke in der bargeldlosen Zahlung, aber mit dieser kann man durchaus leben. Wer wirklich ganz auf das Bargeld verzichten möchte, muss sich seine Brötchen und den Döner dort kaufen, wo eine bargeldlose Zahlung möglich ist. Es keine gravierende Einschränkung.

Geht es wirklich ohne Bargeld? – Fazit

Damit bin ich ans Ende dieser Artikelreihe gelangt. Kommen wir also zur Kernfrage, geht es wirklich ohne Bargeld im Alltag? Meine Antwort lautet definitiv, ja! Es geht ohne Bargeld. Es gibt zwar gewisse Lücken wie Döner-Buden, Bäckereien und Kioske, doch diese machen bei mir nur zwei bis drei Prozent der Einkäufe aus. Gebäck kaufe ich mittlerweile nur im Supermarkt und wenn es darum geht, mir einen Döner zu gönnen, habe ich zwei Döner-Buden, die Kartenzahlungen akzeptieren.

Für meinen Teil kann ich sagen, ich bezahle zu 100 Prozent bargeldlos. Doch wie ich das bereits im ersten Teil dieser Artikelreihe geschrieben habe, bin ich alles andere als ein Befürworter einer Bargeldabschaffung, ganz im Gegenteil. Die Abschaffung von Bargeld ist die Abschaffung von Freiheit und Unabhängigkeit eines einzelnen Menschen. Auch ich habe Bargeldbestände und schaffe mir somit meine Freiheit. Ich möchte nicht eines Tages zahlungs- und handlungsunfähig sein, nur weil meine Bank vielleicht einen schwerwiegenden Serverausfall oder schlimmer noch, eine Cyberattacke erlitten hat.

Mein Fazit ist – es geht ohne Bargeld, aber es muss auch mit Bargeld gehen können.

Sladjan Lazic
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